In der Stille unserer Seele...
19.04.2008 00:15In den achtzig Jahren meines Lebens sollte ich so einiges gelernt haben. Zum Beispiel, dass es die menschliche Seele gibt. Sie ist jener Teil von uns, der im Lauf der Zeit Erfahrungen sammelt, aber dabei nicht altert. Sie ist noch genauso jung und unverdorben wie bei unserer Geburt, nur etwas vorsichtiger, wachsamer, realistischer.
Religion ist der Versuch, eine Verbindung zu schaffen zwischen den Weiten, die uns umgeben, und dem Glauben in unserem Inneren. Dass das Weltall in seiner vielleicht niemals gänzlich erfassbaren Unermesslichkeit nicht aus Zufall existiert, ist - bei aller Bescheidenheit - offensichtlich. Es stellt uns vor das höchste Rätsel, fordert unser logisches Denken bis zum Äußersten und ringt uns Ehrfurcht durch seine imposante Größe ab.
Dieser flüchtige Blick nach oben weist auf das Wesen der
Religion hin. Dass sich Menschen mit Religion befassen, ergibt sich aus der Vielzahl von Erscheinungen, die wir noch nicht verstehen. Natürlich muss die Religion einen strategischen Platz zwischen den Menschen und dem großen Rätsel des Universums einnehmen und ihre Existenz dadurch rechtfertigen, so zu tun, als habe sie die himmlischen Codes geknackt und könne überall durchblicken, wo es dem Normalsterblichen versagt bleibt. Dass alle Religionen sich zur universellen Liebe bekennen, ist ein Beweis für bewundernswertes Teamwork. Nur wird dieser Eindruck dadurch zunichte gemacht, dass jede Religion Exklusivität für ihre eigene Glaubensrichtung beansprucht.
Wenn es einen ruhigen Winkel gibt, wo wir ungestört mit der Frage nach unserer Stellung als Einzelne in den unendlichen Weiten ringen können, dann ist das die Stille unserer Seele.
Peter Ustinov
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