Philosophieren heisst sterben lernen ...
19.04.2008 00:13Philosophieren heisst sterben lernen ...
Das Ziel unserer Bahn ist der Tod, notwendig sind auf ihn all unsere Blicke gerichtet: wenn er uns nun in Schrecken setzt, wie wäre es uns dann möglich, einen Schritt vorwärts zu tun ohne Fieber? Das Hilfsmittel des gemeinen Volkes besteht darin, nicht an ihn zu denken. Aber aus welch viehischer Dummheit allein kann eine so grobe Blindheit entspringen.
Cicero sagt, Philosophieren sei nichts anderes, als sich auf den Tod vorbereiten. Dem ist so, weil Studium und Beschaulichkeit unsere Seele einigermassen von uns abziehen und sie ohne Beteiligung des Körpers beschäftigen, was gewissermassen Uebung und Abbild des Todes ist, oder weil alle Weisheit und Vernunft der Welt schliesslich darauf hinausläuft, uns zu lehren, den Tod nicht zu fürchten.
Es ist kein Wunder, wenn es so oft in die Falle geht. Man erschreckt unsere Leute, wenn man den Tod nur nennt, und die meisten bekreuzigen sich dabei wie beim Namen des Teufels.
Weil jene Silbe den Römern zu rauh an die Ohren schlug und der Laut ihnen eine schlechte Vorbedeutung zu haben schien, hatten sie sich angewöhnt, ihn zu erweichen oder in Umschreibungen aufzulösen. Anstatt zu sagen: Er ist tot, sagen sie: Er hat zu leben aufgehört, er hat gelebt, vixerunt. Wenn es nur Leben heisst, sei es auch vergangenes Leben, so sind sie zufrieden.
Ist vielleicht, wie man sagt, Frist Goldes wert? Ich wurde geboren des Morgens zwischen elf und zwölf, am letzten Tage des Februar des
Jahres fünfzehnhundertdreiunddreissig. Es ist gerade vierzehn Tage her, dass ich das Alter von neununddreissig Jahren überschritten habe, es steht mir zum mindesten noch einmal so viel zu. Trotzdem wäre es gar narrentoll, sich darum des Denkens an etwas so weit Entferntes zu enthalten. Aber wie Jung und alt denkt gleich wenig daran. Und es gibt keinen so altersschwachen Menschen, der nicht, solange er nur hinter Methusalem zurücksteht, noch ein Jahr vor sich zu haben wähnte.
Ueberdies, du armer Tor, der du bist, wer hat dir denn das Ende deines Lebens bestimmt? Du stützest dich auf das Gerede der Ärzte. Schau lieber die Tatsachen an und die Erfahrung. Nach dem üblichen Lauf der Dinge lebst du schon seit langer Zeit einzig durch eine aussergewöhnliche Gunst. Du hast die gewöhnliche Lebensdauer überschritten; und damit du einsiehst, dass dem so ist, zähle nach dem Kreise deiner Bekannten, wieviel mehr jünger als du gestorben sind, als es deren gibt, die dein Alter erreicht haben. Umsonst stellte sich Äschylus, da er vom Zusammensturz eines Hauses bedroht wurde, draussen hin, denn dort wurde er von dem Schild einer Kröte erschlagen, welches ein Adler in der Luft aus seinen Krallen fallen liess.
Der arme Richter Bäbius wurde, gerade während er einem Vorgeladenen einen Strafaufschub von acht Tagen zubilligte, selber ergriffen, da die Frist seines eigenen Lebens abgelaufen war, und während der Arzt Gajus Juhus die Augen eines Patienten einsalbte, schloss ihm der Tod seine eigenen. Und wenn ich meine eigenen Erfahrungen anführen soll, einer meiner Brüder, Hauptmann St. Martin, wurde dreiundzwanzig Jahre alt, als seine Tapferkeit sich bereits trefflich bewährt hatte, beim Ballspiel von einem Schlagball ein wenig oberhalb des rechten Ohres getroffen, ohne irgend eine Spur von Quetschung oder Verletzung Und so setzte er sich auch nicht hin und ruhte sich nicht aus; aber fünf, sechs Stunden darauf starb er infolge jenes Ballstosses an einem Schlaganfall.
Wie ist es nur möglich, dass man sich mit so häufigen und alltäglichen Beispielen vor Augen von den Todesgedanken losmacht und nicht jeden Augenblick das Gefühl hat, als hielte der Tod uns beim Kragen? Was tut's, wie man es fertig bringt, werdet ihr mir sagen, wenn man sich nur um den Tod keine Sorgen macht? Ich teile diese Meinung, und auf welche Weise man sich auch immer vor Schlägen schützen kann, und wenn es unter einer Kalbshaut wäre, ich bin nicht der Mann dazu, dem auszuweichen: denn sobald ich nur gemächlich lebe, bin ich's zufrieden, und wo ich nur einigermassen gut fahre, da steig' ich ein und bin übrigens so wenig stolz und mustergültig, wie ihr nur wollt.
Allein es ist Torheit zu glauben, dass man auf solche Weise etwas erreichen könnte. Sie gehen und kommen, sie rennen und tanzen; vom Tode nicht die Rede. Das ist alles sehr schön; aber andererseits, wenn er sich dann an sie selbst oder an ihre Weiber, Kinder und Freunde macht und sie unerwartet und unvorbereitet überrascht, welche Qualen, welch Geschrei, welche Wut, welche Verzweiflung übermannt sie da! Saht Ihr je eine solche Erniedrigung, eine solche Umwandlung, eine solche Bestürzung?
Man soll eben früher darum Sorge tragen. Handelte es sich um einen Feind, dem man auszuweichen vermöchte, so würde ich anraten, die Waffen der Feigheit zu borgen; da das aber nicht möglich ist, weil er dich, falls du fliehst und dich feige anlässt, ebenso gut erhascht, als wenn du dich wie ein würdiger Mensch hältst, und weil keines Panzers Stahl dich zu decken vermag, so lasst uns lernen, ihn festen Fusses abzuwarten und ihn zu bekämpfen, und, um damit anzufangen, ihm das, wodurch er uns am meisten überlegen ist, zu rauben, lasst uns einen dem gemeinhin befolgten entgegengesetzten Weg einschlagen.
Nehmen wir ihm das Fremdartige, verkehren wir mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn; lasst uns nichts so oft im Kopfe haben als den Gedanken an den Tod, stellen wir ihn unserer Einbildung jeden Augenblick und in jeder Gestalt vor: lasst uns beim Straucheln eines Pferdes, beim Fall eines Dachziegels, beim geringsten Nadelstich sofort wiederholen: "Nun, und wenn es der Tod selber wäre?" und uns zwingen, diesem Gedanken zu denken! Es ist unbestimmt, wo der Tod uns erwartet: erwarten wir ihn also überall. Das Nachsinnen über den Tod ist Nachsinnen über die Freiheit.
Wer zu sterben gelernt hat, hat verlernt zu dienen. - Es gibt keine Uebel mehr im Leben für den, der gut verstanden hat, dass der Verlust des Lebens kein Uebel ist. - Sterben zu wissen befreit uns von jeder Dienstbarkeit und jedem Zwange. Man muss gestehen: in allen Dingen können, falls die Natur nicht ein wenig mitwirkt, Kunst und Fleiss schwerlich viel zustande bringen. Schwermütig von Natur bin ich nicht, aber grüblerisch: nichts ist mir von jeher geläufiger als die Todesgedanken, und sie waren es mir sogar schon in der an Ausschweifungen reichsten Zeit meines Lebens.
Es ist unmöglich, dass wir anfangs keinen Stich ins Herz durch solche Vorstellungen bekämen; wenn man aber viel mit ihnen umgeht und mit ihnen lebt, so lähmt man sie ohne Zweifel; Sonst würde ich für meinen Teil ja in ununterbrochener Angst und Raserei leben: denn nie hat ein Mensch seinem Leben so sehr misstraut. Weder verlägert mir die Gesundheit, die bei mir bis jetzt sehr kräftig und selten unterbrochen gewesen ist, meine Hoffnung aufs Leben, noch verkürzen die Krankheiten sie mir. Jede Minute ist es mir, als führe ich dahin. - Und unaufhörlich wiederhole ich mir: Alles was an einem andern Tage getan werden kann, kann es auch heute.
Jemand, der kürzlich mein Notizbuch durchblätterte, fand darin eine Angabe über etwas, das ich nach meinem Tode getan wissen wollte. Ich sagte ihm der Wahrheit gemäss, ich hätte mich, gesund und munter, in einer Entfernung von nur einer Stunde von meinem Hause, beeilt, jene Angabe niederzuschreiben, weil ich mich nicht sicher fühlte, dass ich bis nach Hause gelangen würde.
Man muss immer gestiefelt und reisefertig sein, soweit es uns möglich ist, und vor allem dafür sorgen, dass man dann nur mit sich selber zu tun habe. Man muss nichts so lange im voraus planen oder wenigstens nicht mit einer solchen Willensanspannung, dass man leidenschaftlich das Ende zu sehen begehrt. Wir sind zur Tätigkeit geboren, und ich bin der Meinung, dass nicht nur ein Kaiser, wie Vespasian sagte, sondern jeder Ehrenmann stehend sterben soll. Ich will, dass man immer tätig sei, dass der Tod mich beim Pflanzen meines Kohls überrasche, aber unbekümmert um ihn und mehr noch um meinen unfertigen Garten.
So wie man unsere Friedhöfe neben den Kirchen und in den belebtesten Stadtteilen angelegt hat, um das gemeine Volk, die Weiber und die Kinder, wie Lykurg sagte, daran zu gewöhnen, beim Anblick eines Toten nicht zu erschrecken, und damit dieses fortwährende Schauspiel von Gebeinen, Gräbern und Leichenbegängnissen uns an unseren eigenen Zustand erinnere. Und wie die Ägypter nach ihren Festgelagen den Anwesenden ein grosses Abbild des Todes vorhalten liessen von einem, der ihnen zurief: Trinke und freue dich, denn nach dem Tode wirst du so sein, so habe ich mir zur Gewohnheit gemacht, den Tod nicht nur im Kopfe, sondern auch fortwährend im Munde zu haben; und es gibt nichts, nach dem ich mich so gerne erkundige, als nach dem Tod eines Menschen, was er geredet, wie sein Gesichtsausdruck, seine Haltung dabei gewesen; es gibt auch keine Stellen in Geschichtswerken, welchen ich eine so aufmerksame Beachtung schenke.
Man wird mir sagen, die Wirklichkeit übertreffe die Vorstellung so sehr, dass da keine so gute Fechtkunst ist, die nicht gänzlich versagen möchte, wenn man einmal wirklich an den Punkt angelangt. Lasst sie reden: das vorausgehende Nachsinnen gewährt ohne Zweifel grosse Vorteile; und hat es denn ausserdem nichts zu bedeuten, wenn man ohne Aufregung und ohne Fieber bis dahin zu gelangen vermag? Und mehr noch: ich weiss aus Erfahrung, dass die Natur selber uns die Hand bietet und uns ermutigt. Ist es ein kurzer und gewaltsamer Tod, so haben wir nicht die Zeit, ihn zu fürchten; ist er anderer Art, so fühle ich, dass ich in dem Masse, in dem ich mich ihm und der Krankheit nähere, auf natürliche Weise und von selbst einige Geringschätzung für das Leben zu verspüren beginne.
Ich merke, dass es mir viel mehr Mühe kostet, das Muss des Todes zu verwinden, wenn ich mich einer vollen und kräftigen Gesundheit erfreue, als wenn ich krank bin. Da ich nicht mehr so sehr an den Gütern des Lebens hänge, sobald ich ihren Gebrauch und Genuss zu verlieren anfange, so sehe ich den Tod auch mit viel weniger erschreckten Blicken herankommen. Das lässt mich hoffen, ich möchte den Austausch von Leben und Tod um 50 leichter finden, als ich mich von dem einen entfernt und mich dem anderen genähert habe.
Beachten wir bei jenem üblichen Wandel und Verfall, dem wir alle unterworfen sind, wie die Natur uns die Empfindung für unsere Einbussen und Hinfälligkeiten raubt. Was bleibt einem Greise von der Kraft seiner Jugend und seines vergangenen Lebens übrig? Ueberkäme uns alles mit einem Schlage, so glaube ich nicht, dass wir imstande wären, einen solchen Wechsel zu ertragen; aber die Natur führt uns an der Hand sachte und unmerklich den Abhang hinunter, sie schiebt uns allmählich und immer tiefer und tiefer in diesen elenden Zustand hinein und macht uns mit ihm vertraut, so dass wir gar keine Erschütterung in uns verspüren, wenn die Jugend stirbt, was doch in Wesen und Wahrheit ein schwererer Tod ist, als der endgültige Tod eines welken Lebens und der Tod des Alters, da der Sprung vom Unwohlsein zum Nichtsein nicht so schwer ist als der aus einem angenehmen und blühenden in ein mühseliges und schmerzliches Dasein.
Der gekrümmte und gebeugte Körper hat weniger Kraft eine Last zu tragen; ebenso steht es mit unserer Seele. Man muss sie abrichten und erziehen gegen den Anprall dieses Gegners. Denn, gleich wie sie unmöglich Ruhe und Wohlbehagen geniessen kann, solange sie ihn fürchtet, so kann sie auch andererseits, wenn sie sich über ihn beruhigt hat, sich rühmen, unmöglich könne sich Besorgnis, Angst, Furcht, ja auch nur die geringste Unlust bei ihr einnisten. Unsere Religion hat keine festere menschliche Grundlage gehabt als die Verachtung des Lebens. Nicht nur vernünftige Üeberlegung fordert uns dazu auf, denn wie sollten wir etwas zu verlieren fürchten, das, wenn es einmal verloren ist, nicht bedauert werden kann? Und da wir von so vielen Todesarten bedroht sind, sollten wir da nicht einsehen, dass es qualvoller ist, sie alle zu fürchten als deren eine zu ertragen?
Was macht es, wann es sein wird, da der Tod doch unentrinnbar ist? Dem, der zu ihm sagte: "Die dreissig Tyrannen haben dich zum Tode verurteilt", antwortete Sokrates: "Und die Natur sie". Welche Torheit, uns Sorgen zu machen im Augenblicke des Ueberganges zu der Befreiung von jeder Sorge? So wie unsere Geburt uns die Geburt aller Dinge gebracht hat, so wird unser Tod uns den Tod aller Dinge bringen. Daher ist es die gleiche Torheit zu weinen, weil wir über hundert Jahre nicht mehr leben werden, als zu weinen, weil wir vor hundert Jahren noch nicht lebten. Der Tod ist der Anfang eines andern Lebens: also weinten wir und also kostete es uns Mühe, in dieses Leben einzutreten, also legten wir bei unserem Eintritt unseren alten Schleier ab.
Nichts kann schlimm sein, das nur einmal ist. Ist es vernünftig, etwas, das so kurze Zeit dauert, so lange Zeit zu fürchten? Die lange und die kurze Lebensdauer werden durch den Tod völlig ausgeglichen, denn die Begriffe lang und kurz sind nicht anwendbar auf die Dinge, welche nicht mehr sind. Aristoteles sagt, dass es kleine Tiere auf dem Flusse Hypanis gibt, welche nur einen Tag leben. Das, welches um acht Uhr morgens stirbt, stirbt in seiner Jugend; das welches um fünf Uhr abends stirbt, stirbt in hohem Alter. Wer von uns würde nicht darüber spotten, falls er diesen kurzen Augenblick auf Glück oder Unglück prüfen sähe?
Doch ist das Mehr oder Weniger in unserer eigenen Lebensdauer nicht weniger lächerlich, wenn wir sie vergleichen mit der Ewigkeit oder auch mit der Dauer der Berge, der Flüsse, der Sterne, der Bäume und sogar einiger Tiere. Sondern die Natur zwingt uns auch dazu. "Tretet aus dieser Welt heraus", sagt sie, wie Ihr hereingetreten seid. Denselben Uebergang, den Ihr gemacht habt vom Tode zum Leben, ohne Leidenschaft und ohne Angst, macht ihn wieder vom Leben zum Tode. Der Tod ist ein Stück der Weltordnung; er ist ein Stück des Lebens der Welt.
Alle Zeit, da Ihr lebt, raubt Ihr dem Leben: Ihr lebt auf seine Kosten. Es ist die fortwährende Aufgabe Eures Lebens den Tod aufzubauen. Ihr seid im Tode, während Ihr am Leben seid, denn Ihr seid über den Tod hinaus, wenn Ihr nicht mehr am Leben seid; oder, falls Ihr lieber so wollt, Ihr seid tot nach dem Leben, aber während des Lebens seid Ihr sterbend; und der Tod berührt den Sterbenden stärker als den Toten, und tiefer und wesentlicher. Habt Ihr das Leben auszunutzen verstanden, so seid Ihr übersättigt: so geht befriedigt hin. Habt Ihr keinen Gebrauch davon zu machen verstanden, war es Euch unnütz, was macht es Euch dann, es verloren zu haben? Wozu wollt Ihr es noch?
Und wenn Ihr nur einen Tag gelebt habt, so habt Ihr alles gesehen: ein Tag ist allen andern gleich. Es gibt kein andres Licht und keine andre Nacht. Diese Sonne, dieser Mond, diese Sterne, diese Ordnung, alle sind sie dieselben, die auch Eure Vorfahren erfreut haben und Eure Nachkommen beschäftigen werden. Macht andern Platz, wie andere Euch Platz gemacht haben. Die Gleichheit ist der Hauptbestandteil der Gerechtigkeit. Wer könnte sich beklagen Gesetzen zu unterstehen, denen jeder untersteht? - Lebt so lange wie Ihr wollt, Ihr werdet doch die Zeit, da Ihr tot sein müsst in keiner Weise verkürzen, es ist umsonst: Ihr werdet doch eben so lange in diesem von Euch gefürchteten Zustande verharren, als wenn Ihr im Säuglingsalter gestorben wäret. - Der Tod geht Euch weder im Sterben noch im Leben etwas an: im Leben nicht, weil Ihr seid, im Sterben nicht, weil Ihr nicht mehr seid.
Wann auch immer Euer Leben aufhören möge, es ist in seiner Ganzheit dagewesen. - Der Wert des Lebens liegt nicht in seiner Dauer, er liegt im Gebrauch, den man von ihm macht. Mancher, der lange gelebt hat, hat wenig gelebt. Es hängt von Eurem Willen und nicht von der Anzahl der Jahre ab, dass Ihr genug gelebt habt. - Meintet Ihr, dass Ihr niemals dort ankommen möchtet, wohin Ihr rastlos schreitet? - Es gibt aber keinen Weg ohne Ausgang. - Und wenn es Euch trösten kann; Euch in Gesellschaft zu wissen, verlaufen nicht alle Dinge ähnlich wie Euer Leben verläuft?
Bewegt sich nicht alles mit Eurer Bewegung? Gibt es irgend etwas, das nicht mit Euch alt würde? Tausende von Menschen, Tausende von Tieren und Tausende von andern Geschöpfen sterben in derselben Stunde mit Euch.
Wozu fahrt Ihr vor dem Tode zurück, da Ihr ja doch nicht zurückweichen könnt? Ihr habt genug Leute gesehen, für die das Sterben eine Wohltat gewesen, da sie dadurch grossem Elend entgingen. Aber habt Ihr schon jemand gesehen, dem das Sterben schlecht bekommen wäre? Es ist also eine grosse Einfältigkeit, etwas zu verdammen, das Ihr weder an Euch noch an andern erprobt habt. Warum beklagst du dich über mich und über das Schicksal? Tun wir dir Unrecht? Ist es an dir, uns zu regieren oder nicht vielmehr an uns, dieses mit dir zu tun? Wenn auch dein Alter noch nicht vollendet ist, so ist doch dein Leben vollendet.
Ein kleiner Mensch ist ebensogut ein ganzer Mensch, wie ein grosser Mensch. Weder die Menschen noch ihr Leben werden mit der Elle gemessen. Chiron schlug die Unsterblichkeit aus, als er vom Gotte der Zeit und der Dauer selbst, seinem Vater Saturn, über ihre Bedingungen Auskunft erhalten hatte. Stellt Euch vor, wie viel weniger erträglich und wie viel schmerzvoller ein dauerndes Leben in der Tat für die Menschen wäre als das, welches ich ihnen gegeben habe. Hättet Ihr den Tod nicht, so würdet Ihr nicht aufhören mich zu verfluchen, weil ich ihn Euch vorenthalten.
Ich habe ihm absichtlich ein wenig Bitterkeit beigemischt, um Euch zu verhindern, dem Bewusstsein seiner Sanftheit zu unterliegen und ihn allzu begehrlich und unbescheiden an Euch zu reissen. Um Euch zu bannen in die Mässigung, weder das Leben zu fliehen noch vor dem Joch zurückzuschrecken, als welche ich von Euch fordere, habe ich sie beide mit Süssem und Herbem gemischt. Ich lehrte Thales, den Ersten Eurer Weisen, dass Leben und Sterben gleich gültig sind; weshalb er dem, der ihn fragte, warum er dann nicht stürbe, sehr weise antwortete: "Eben weil es eine g1eichgültige Sache ist". Wasser, Erde, Luft und Feuer und die andern Bestandteile dieses meines Baues sind nicht in höherem Sinne Werkzeuge deines Lebens, als Werkzeuge deines Todes.
Warum fürchtest du dich vor deinem letzten Tage? Er trägt nicht mehr zu deinem Tode bei als irgend einer der übrigen. Der letzte Schritt verursacht die Müdigkeit nicht, er macht sie nur fühlbar. Alle Tage gehen zum Tode, der letzte gelangt ans Ziel". So lauten die guten Ratschläge unserer Mutter Natur.
Ich habe mir auch oft überlegt, woher es kommen mag, dass im Kriege der Anblick des Todes, sei es nun, dass wir selber, sei es, dass andere ihm ins Antlitz schauen müssen, uns ohne Vergleich weit weniger schrecklich vorkommt als zu Hause (sonst würde es ja ein Heer von Ärzten und Heulern werden), und dass er, der doch immer der gleiche ist, trotzdem mit mehr Standhaftigkeit von Bauern und Leuten niedrigen Standes ertragen wird als von andern.
Ich glaube wirklich, dass es die schrecklichen Gesichter und Anstalten sind, mit denen wir ihn umgeben, als welche uns nämlich mehr Angst machen als er selbst: eine ganz neue Art zu leben, das Geschrei der Mütter, der Weiber und der Kinder, der Besuch von verdutzten und erstarrten Leuten, die Anwesenheit einer Menge bleicher und verweinter Diener, ein Zimmer ohne Licht, brennende Kerzen, unser Bett belagert von Ärzten und Priestern, kurz, Schrecken und Angst überall um uns herum: da sind wir eigentlich schon bestattet und begraben. Kinder fürchten sich vor ihren eigenen Freunden, wenn sie sie maskiert sehen; ähnlich steht es auch mit uns.
Man muss sowohl den Dingen wie den Menschen die Maske abreissen. Ist sie einmal abgerissen, werden wir darunter nur jenen selben Tod finden, den ein Diener oder eine einfache Zofe gelegentlich ohne Angst durchmacht. Glücklich der Tod, und dreimal glücklich, wenn er zu den Vorbereitungen einer solchen Zurüstung keine Zeit lässt.
Michel de Montaigne
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