Störfaktor Mensch ...

19.04.2008 00:10

Störfaktor Mensch ...

Drücken Sie das bitte einmal in bar aus! Das sei sein Ordnungsruf
auf allzu wortreichen Managementkonferenzen, offenbarte
Postboss Klaus Zumwinkel kürzlich in einem Vortrag über
"Führungskunst in Unternehmen" seinen Zuhörern. Was sich nicht in
Barwerten ausdrücken lässt, gibt es in der neuen Wirtschafts-
welt nicht. Überhaupt wucherte der Vorstandsvorsitzende mit
vielen globalen Spitzenleistungen seines Unternehmens. Umsatz,
Gewinn, logistische Schnelligkeit: alles rekordverdächtig. Man
staunt, wie schnell eine kostbare Maschine von Detroit, USA,
nach Frankfurt, Deutschland, oder in einen anderen entfernten
Ort der Welt transportiert ist.

Wie viel Zeit ein Brief von Bornheim bei Bonn nach Bonn braucht,
konnte ich allerdings im Vortrag nicht erfahren; das weiß ich
selbst. Achtmal am Tag sei die Post vor dem Ersten Weltkrieg in
Berlin ausgetragen worden, berichtete Sebastian Haffner. So
viel muss es heute nicht mehr sein. Es würde mir genügen, wenn
der Brief, der an mich adressiert ist, nicht allein deshalb an
den Absender zurückbeordert wird, weil statt meiner richtigen
Hausnummer "102" die falsche "100" in der Anschrift steht.
Solche Differenzen hätte der alte Briefträger korrigiert. Er
kannte nämlich jeden in der Straße. Der neue kennt niemanden
mehr und niemand ihn. Nach einem geheimen Barwertkonzept
wechseln die Einsatzrouten der flexiblen Briefzusteller. Und es
bleibt ihnen auch keine Zeit für Freundlichkeiten.

Dem Barwert sind auch die kleinen Postämter auf dem Dorf zum
Opfer gefallen. Damit ist jedoch mehr verschwunden, als die
Barwertkalkulatoren bemerken. Die Post war einst schließlich
nicht nur ein Logistikunternehmen, sondern das Postamt auf dem
Dorf war eine wichtige Kommunikationszentrale. Selbst der
Briefträger war nicht nur Transporteur, sondern auch Ansprech-
partner. Alles passe. Na gut, wir haben das Handy. Ein Gespräch
am Schalter ist jedoch ein mimetisches, akustisches, ästhe-
tisches, bisweilen sogar haptisches Erlebnis. Kein Handy
ersetzt den "Augenblick" und den "Handschlag".

NOSTALGIE?
Der Verlust an Mensch muss teuer bezahlt werden. Fehlende
Gesprächsmöglichkeiten werden zum Beispiel durch Arztbesuche
kompensiert. Dem Ritual entsprechend fällt dann auch ein Rezept
ab, obwohl schon tausend Pillen ungebraucht bis zur Auflösung
des Rentnerhaushaltes in den überfüllten Hausapotheken ver-
schwinden. Das treibt die Lohnnebenkosten hoch.

Der Mensch ist in dieser rationalisierten Dienstleistungsge-
sellschaft eine Restgröße, die es zu überwinden gilt. Die Ratio
des Dienstes ist der Barwert. Wem eigentlich gedient werden
soll, gerät dabei außer Blick. Die Katze beißt sich in den
Schwanz. Die privatisierte Bahn AG spart Dienstpersonal. Fahr-
karten speit ein Automat aus, der seine Dienste allerdings nur
nach einem virtuosen Knopfdruck-Parcours ausspuckt. Kein
Mensch weit und breit, der Fragen beantworten könnte.

Menschenleere Dienstleistungsgesellschaft.
Der Kranke im Großklinikum ist eine Nummer im "Patientenfluss",
ein Begriff, der dem Aktenfluss in der Verwaltung nachgebildet
wurde. Es fehlt nur noch die "Ablage" im Krankenhaus, dann ist
die Analogie perfekt. In japanischen Pflegeheimen wird mit au-
tomatisierten Waschanlagen für Patienten experimentiert, in
die Menschen in Spezialbetten geschoben werden. Der
Unterschied zur Autowäsche ist relativ gering. Es war wohl eine
romantische Vorstellung, mit der Dienstleistungsgesellschaft die
Hoffnung zu verbinden, dass das Bedienen aufgewertet würde.
Eine Maschine bedienen: Ja. Einen Menschen bedienen hat
dagegen keinen hohen (Bar-)Wert.

Ich setze auf die Marktwirtschaft. Sie ist klüger als die
Barwert-Wirtschaft. Irgendjemand - ein findiger Unternehmer -
wird die Marktlücke Mensch entdecken. Beratung, Bedienung, Be-
treuung, das sind große Beschäftigungsfelder, die brachliegen.
Allerdings, die Diener dürfen nicht mit einem Vergelt's-Gott-
Tarif abgespeist werden. Ein staatlicher Zuschuss - gar in Form
eines Kombilohns - macht die Sache auch nicht attraktiver. Wo
schon der Staat mit Zuschüssen einspringt, auf die man sich
nicht verlassen kann, hängt immer ein Almosengeruch in der
Luft, und das ist nicht die Luft, in der Selbstbewusstsein
gedeiht.

SHELL stellt wieder Tankwarte ein. Das könnte der Vorbote einer
Wende sein. Darauf sind die Barwert-Rationalisierer nie gekom-
men. Ihr Bar-Begriff ist beschränkt. "Drücken Sie das bitte in
bar aus." Die Ironie der Geschichte wäre, dass die Barwert-
Strategen von ihrer eigenen Strategie überholt werden. Wer nur
in Geld-Kategorien denkt, ist gar kein Unternehmer, sondern
eher ein Unterlasser. Er lässt die Chancen ungenutzt, die sich
daraus ergeben, dass der Mensch nicht ein ständig von Vorteils-
suche getriebener Homo oeconomicus ist. Das wäre eine Amputa-
tion des Menschen. Kein Mensch hält es aus, ständig zu rechnen.
Es sei denn, er verzichtet auf Liebe, Freundschaft und Vertrau-
en. Die besten Sachen, die den Menschen auszeichnen, haben gar
keinen Barwert und bleiben unbezahlbar. Selbst ein Wirtschafts-
unternehmen ist auf Tugenden angewiesen, die nicht kalkuliert
werden können. Wahrscheinlich sind die größten Erfindungen und
Entdeckungen nicht nur um des heben Geldes willen gemacht worden.

Max Weber behauptete, dass die ersten kapitalistischen Unter-
nehmer vom Werkerfolg getrieben waren. Für sich wollten sie
nichts. Der unternehmerische Erfolg sollte ihre göttliche
Prädestination offenbaren. Das ist ein unzweifelhaft religiöses
Motiv, das auch keinen Barwert hat. Aber man muss sich gar
nicht in die Höhe der Theologie schrauben. Es genügt der all-
tägliche Umgang mit Menschen, die normal geblieben sind, um
zu erkennen, dass der Neoliberalismus die Karikatur eines ge-
lungenen Lebens ist. Kein Unternehmen stellt etwas auf die
Beine, dessen Arbeiter nur von Lohninteressen getragen werden.

Es geht auch in der Arbeit um Anerkennung, Achtung, Selbst-
verwirklichung. Alles Sachen, die einen immateriellen Wert
besitzen. Schon Immanuel Kant wusste, dass alles, was aus-
tauschbar ist, einen Preis hat, die Würde des Menschen jedoch
nicht austauschbar ist. Deshalb lässt sich auch ein Barwert
nicht angeben. Wahrscheinlich haben die Träumer und Idealisten
mehr für den Fortschritt der Menschheit bewirkt als der ver-
krüppelte Homo oeconomicus.

Als der Mensch sich vom Arbeitstier emanzipierte, träumte er.
Seiner überschießenden Emotionen, seiner Fantasie konnte er nur
mit der Erfindung der Sprache Herr werden. Arbeiten können
auch Tiere. Der Termitenbau ist zum Beispiel eine
architektonische Meisterleistung, ein Bienenstock das Ergebnis
von viel Arbeit, und das Spinnennetz ist eine raffinierte
Nahrungsmittelbeschaffungsmaschine. Kultur ist mehr. Nein, man
glaubt es kaum, die Neoliberalen sind Kulturbanausen. Sie wissen
es nur nicht. Aber manche ahnen es und beruhigen ihr schlechtes
Gewissen, indem sie es mit Geld füttern.

Der Neoliberalismus ist der praktische Feldversuch, die Geld-
Theorie von Karl Marx zu verifizieren. "Ich bin hässlich, aber
ich kann mir die schönste Frau kaufen, also bin ich nicht
hässlich..." und meiner Individualität nach bin ich lahm, aber
das Geld verschafft mir 24 Füße, also bin ich nicht lahm...
Ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Wert aller
Dinge. Wie sollte sein Besitzer geistlos sein? In dieser
Persiflage hält Karl Marx der bürgerlichen Protzerei, "Geld
regiert die Welt", den Spiegel vor.

Nur gemach. Diese materialistische Wirtschaftsordnung wird
nicht überleben. Und über die Global Players wird man in
einigen Jahrhunderten so reden wie über die Dinosaurier, mit
denen sie das Schicksal teilen, ausgestorben zu sein. Im "Kampf
der Kulturen" zählt der Barwert des Westens wenig. Ohne eine
Idee davon, was der Mensch ist, hat keine Gesellschaft eine
Überlebenschance. Eines steht jedenfalls fest: Er ist mehr als
ein armseliger "Barwert-Zähler".

MIDAS, DER KÖNIG von Phrygiens, wünschte von Dionysos, dem
Gott der Lust, dass alles, was er berühre, sich in Gold
verwandele. Der Wunsch wurde dem goldgierigen Midas erfüllt.
Alles, was der arme Mann berührte, verwandelte sich in Gold.
Und hätte ihn Dionysos nicht von dem Göttergeschenk befreit,
wäre Midas verhungert und verdurstet. Denn auch Speis und
Trank verwandelten sich unter seinen Händen in Gold.

Der Midas-Mythos ist ein Menetekel des Neoliberalismus. Alles,
was der Global Player berührt, verwandelt sich in Geld.
Deshalb wird diese Wirtschaftsordnung so zugrunde gehen, wie
Midas verhungert und verdurstet wäre, wenn er nicht von
seinem Goldrausch geheilt worden wäre. Zumwinkels
Managementbar-Test wird dann in völkerkundlichen
Abhandlungen unter skurrilen Marginalien Erwähnung finden, und
unsere Nachfahren werden über die neoliberalen Global Players so
staunen wie wir über die Neandertaler.

Von Norbert Blüm.

 

zurück zur Startseite...

Zurück ...